„Drei Jahrgänge werden komplett verarscht“

Ist Bayreuth vorbereitet auf den doppelten Abiturjahrgang 2011? — Diese Frage stellten wir uns zusammen mit Maria Lampl (Vorsitzende des Bayrischen Elternverbands, Elternbeiratsvorsitzende des MWG) und Tim Pargent (Sprecher der Initiative „Bildungskatastrophe 2011“ und Jahrgangsstufensprecher Q12 am GCE).

Die Antwort fällt schlimmer aus, als wir dachten: Studienplätze, Lehrpersonal, Geld, Wohnungen — es fehlt an Allem. Und es ist auch nicht nur eine einmalige Situation im Jahr 2011: in vielen anderen Bundesländern wirkt sich die G8-Umstellung in den Jahren 2012 und 2013 aus, so dass wenigstens drei Jahre lang „Land unter“ angesagt ist.

Maria Lampl und Tim Pargent

Maria Lampl und Tim Pargent berichteten von den Sorgen der Schüler und der Eltern

„Seit sieben Jahren musste der Staatsregierung klar sein, dass der letzte G9-Jahrgang und der erste G8-Jahrgang gleichzeitig fertig werden. Was nicht fertig wird, sind die viel zu spät begonnenen Baumaßnahmen an den Universitäten.“ Die seinerzeit versprochenen Geldmittel für Lehrpersonal und Ausbau der Uni habe die Staatsregierung nicht bereitgestellt, beklagte Tim Pargent. Gleichzeitig machte er deutlich, dass das Problem 2011 mit dem ersten G8-Jahrgang in Bayern und Niedersachsen nicht beendet sein werde: 2012 folgten Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen und Berlin; 2013 schließlich Hessen und Nordrhein-Westfalen. Dabei seien die Universitäten bereits überfüllt und hätten sich auch von der unausgegorenen Bologna-Reform noch nicht erholt. Drei Jahrgänge von Schülern, so Pargent, würden so zu Experimentierobjekten gemacht und im Ergebnis komplett verarscht. Das sei auch nicht allein ein Problem der Abiturienten: Andere Ausbildungsplätze gebe es ja auch nicht genügend; wenn Abiturienten wegen der Studiensituation kein Studium beginnen könnten oder wollten, fände auch auf dem restlichen Ausbildungsmarkt ein Verdrängungswettbewerb statt.

Maria Lampl rechnete vor, dass im Wintersemester 2011 an der Universität Bayreuth bis zu 6.500 (statt 2.500) Erstsemester ihr Studium beginnen werden: Das bedeute überfüllte Hörsäle, zu knappe Plätze in Kursen, verlängerte Studienzeiten, kurz: unzumutbare Bedingungen und erhöhte finanzielle Belastungen für die Eltern. Auch sei nicht klar, wo die zusätzlich erwarteten Studentinnen und Studenten wohnen sollten. Lediglich 350 Wohnheimplätze seien neu geschaffen worden. Maria Lampl richtete deshalb einen Appell an alle Bayreuther, ungenutzte Wohnungen oder Zimmer zu vermieten. Sie wies auch auf das Problem hin, dass viele der neu kommenden G8-Abiturienten bis zu zwei Jahre jünger und damit unselbständiger sein werden als bisherige Erstsemester nach G9 und Wehr- oder Zivildienst: „Einige sind dann noch nicht einmal 18, da muss die Mutter bei der Immatrikulation dabei sein — wissen das die Professoren?“ Professoren und Lehrpersonal müssten sich auf diese Bedingungen einstellen, seien sich aber bisher noch nicht einmal klar, dass sie eintreten werden.

Auch die Möglichkeit, dass G9-Absolventen das Studium bereits im Sommersemester beginnen können, bringt keine Entlastung: Die Uni Bayreuth hat zwar erstmals das Fach Jura für einen Beginn im Sommersemester geöffnet, es ist aber nicht klar, ob dann tatsächlich alle notwendigen Kurse in jedem Semester angeboten werden können damit die Studierenden am Ende nicht ein Semester verlieren. Dennoch liegt bereits jetzt die Zahl der Anmeldungen bei 350 — und die G9-Absolventen sind noch gar nicht dabei, denn die kommen erst Anfang Mai hinzu.


Wir planen eine Folgeveranstaltung: Ist Bayreuth vorbereitet auf den doppelten Abiturjahrgang 2011? — Teil 2: Wohnungssituation. Näheres in Kürze hier.

 

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Bildungskatastrophe 2011: Ist Bayreuth vorbereitet auf den doppelten Abiturjahrgang?

Teil 1: Die Betroffenen kommen zu Wort

bei einer Diskussionsveranstaltung des OV Innenstadt

Donnerstag, 31 März 2011, 20:00 Uhr

Gaststätte Kolb, Bayreuth – Wendelhöfen

mit Tim Pargent

Abiturient in Bayreuth und Sprecher des „Bündnisses Doppeljahrgang 2011“

und Maria Lampl

Elternbeirätin in Bayreuth und Landesvorsitzende des Bayrischen Elternverbandes

Mit der Einführung des verkürzten G8 war klar, dass es 2011 doppelt soviele Abiturienten geben würde wie sonst. Dass es wegen der ausgesetzten Wehrpflicht nochmal mehr geben würde, war noch nicht vorherzusehen. Schon eher vorherzusehen war es, dass die Versprechen der Staatsregierung, man werde sich rechtzeitig um das Problem kümmern, insbesondere Geld für mehr Studienplätze locker machen – leere Versprechen bleiben würden. Dabei sind die bayerischen Universitäten schon längst am Rande ihres Fassungsvermögens und andere Ausbildungsplätze gibt es bei Weitem nicht genügend.

Was bedeutet das für die Situation in Bayreuth? Informieren Sie sich und diskutieren Sie mit!