Radwege senken keine Unfallzahlen

Mit Statistik und der Interpretation von Zahlen ist das so eine Sache: was für die einen halb voll erscheint, kann für die anderen halb leer sein. Bei der Präsentation der Unfallstatistik 2010 durch die Bayreuther Polizei hatte man aber schon den Eindruck, dass es sich um vorauseilenden Gehorsam zu den jüngsten Entgleisungen des CSU-Verkehrsministers gegen Radfahrer handelte.

Die Zahlen der Fahrradunfälle in Bayreuth „verharren auf hohem Niveau“, sagt die Polizei.  Wie bitte? Bei einem Rückgang von 107 auf 102 bei einem Gesamtanstieg der Unfallzahlen um ca. 8% von 1988 auf 2149 hätte man wohl eher von einem leichten Rückgang sprechen können. Und ob bei einem Anteil der Fahrradunfälle von ca. 4,7 % bereits ein hohes Niveau für eine  Stadt mit einem Radverkehrsanteil von ca. 10 % vorliegt, ist auch fraglich.

OK, mit Statistik und der Interpretation von Zahlen ist das so eine Sache.  Aber auch die anderen Aussagen liegen daneben. Die Unfallzahlen seien so hoch, weil ein Erfolg des „2006 eingeführten Radwegekonzepts“ ausgeblieben sei, sagt die Polizei. Das ist bestenfalls naiv. Es kann nicht oft genug gesagt werden: Radwege senken keine Unfallzahlen. Im allerbesten Fall, so zeigen alle Vorher-Nachher-Untersuchungen, bleiben nach dem Bau eines optimal angelegten Radweges die Unfallzahlen gleich. Kaum ein Radweg aber — weder in Bayreuth noch woanders — ist optimal angelegt und so steigen in der Praxis nach dem Bau eines Radwegs die Unfallzahlen an, im ungünstigen Fall für einen linksseitig, also in „falscher Richtung“  vorgeschriebenen Radweg bis zum Vierzehnfachen.

Ein verwirrender Radwegweiser am Bauhof in Bayreuth

Stadtmitte oder Zentrum? Bayreuths Radwege sind manchmal unerforschlich ...

Das klingt überraschend, ist aber ganz einfach zu erklären: Ist ein Radweg gut angelegt, gehen Unfälle im Längsverkehr (also die mit Kraftfahrzeugen, die in gleicher Richtung fahren) zurück. Dieser Effekt wird in der Praxis durch zu schmale Wege, durch Verschwenkungen, Hindernisse, Autotüren etc. meist aber wieder zunichte gemacht. Unfälle im Querverkehr hingegen (also solche an Kreuzungen und Einmündungen) werden durch Sonderwege für Radfahrer geradezu provoziert: Die Kreuzungen werden durch zusätzliche Wege komplexer, unübersichtlicher, die Verkehrsteilnehmer müssen zusätzliche Verkehrsströme beobachten. Kfz-Fahrer auf der Fahrbahn sehen den abseits geführten Radfahrer später und werden durch schnellere Radfahrer überrascht, die plötzlich dort auftauchen, wo sie nur mit Fußgängern rechnen. Radfahrer fühlen sich auf „ihrem“ Sonderweg sicherer und richten ihre Aufmerksamkeit weniger auf den Fahrbahnverkehr . Das alles ist altbekannt. Umso verwunderlicher, dass die Polizei nichts davon zu wissen scheint.

Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass die Radwege durch die Radfahrer angenommen werden. Wenn mehr Radfahrer unterwegs sind, ereignen sich auch mehr Unfälle. Wenn eine Gruppe mehr Rad fährt als andere, dann wird sie auch häufiger an Unfällen mit dem Fahrrad beteiligt sein. In Bayreuth sind das die Studierenden der Universität. Auch das ist normal.

Deshalb ist es unverständlich, ja geradezu ungehörig, wenn der Polizei-Inspektionsleiter Thomas Schreiber bei der Vorstellung der Unfallstatistik Studierende als Leute beschimpft, die „gerade von den Eltern ausgewildert“ worden seien und erst in Bayreuth lernen müssten, sich an Regeln zu halten. Die Erstsemester fahren eben viel mehr mit dem Fahrrad als beispielsweise die Herren der Polizeiführung — deshalb sind sie auch an Unfällen häufiger beteiligt.

Die Verkehrspolitik der Stadt darf sich nicht darauf beschränken, Radwege nach laufendem Meter Strecke auszuweisen und das als Erfolg zu verbuchen. Wir haben gefordert, sich systematisch die Kreuzungen vorzunehmen und für den Radverkehr zu optimieren. Dann klappts auch mit der Unfallprävention.

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