Ist Bayreuth vorbereitet auf den Doppelten Abiturjahrgang? Teil 2: Wohnen und Infrastruktur am Donnerstag, 12. Mai 2011, 20:00 Uhr, Gaststätte Kolb

Der zweite Teil unserer Veranstaltungsreihe befasst sich mit der Wohnungssituation in Bayreuth und den Anforderungen an die städtische Infrastruktur, insbesondere den öffentlichen Personennahverkehr.

Wir diskutieren diese Probleme zusammen mit unserem Stadtrat Halil Tasdelen und VertreterInnen der Juso-Hochschulgruppe. Gespannt sein darf man außerdem auf authentische Erfahrungsberichte von der Wohnungssuche.

Kommen Sie, informieren Sie sich, diskutieren Sie mit — und: wenn Sie ein freies Zimmer haben, vermieten Sie es!

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Radwege senken keine Unfallzahlen

Mit Statistik und der Interpretation von Zahlen ist das so eine Sache: was für die einen halb voll erscheint, kann für die anderen halb leer sein. Bei der Präsentation der Unfallstatistik 2010 durch die Bayreuther Polizei hatte man aber schon den Eindruck, dass es sich um vorauseilenden Gehorsam zu den jüngsten Entgleisungen des CSU-Verkehrsministers gegen Radfahrer handelte.

Die Zahlen der Fahrradunfälle in Bayreuth „verharren auf hohem Niveau“, sagt die Polizei.  Wie bitte? Bei einem Rückgang von 107 auf 102 bei einem Gesamtanstieg der Unfallzahlen um ca. 8% von 1988 auf 2149 hätte man wohl eher von einem leichten Rückgang sprechen können. Und ob bei einem Anteil der Fahrradunfälle von ca. 4,7 % bereits ein hohes Niveau für eine  Stadt mit einem Radverkehrsanteil von ca. 10 % vorliegt, ist auch fraglich.

OK, mit Statistik und der Interpretation von Zahlen ist das so eine Sache.  Aber auch die anderen Aussagen liegen daneben. Die Unfallzahlen seien so hoch, weil ein Erfolg des „2006 eingeführten Radwegekonzepts“ ausgeblieben sei, sagt die Polizei. Das ist bestenfalls naiv. Es kann nicht oft genug gesagt werden: Radwege senken keine Unfallzahlen. Im allerbesten Fall, so zeigen alle Vorher-Nachher-Untersuchungen, bleiben nach dem Bau eines optimal angelegten Radweges die Unfallzahlen gleich. Kaum ein Radweg aber — weder in Bayreuth noch woanders — ist optimal angelegt und so steigen in der Praxis nach dem Bau eines Radwegs die Unfallzahlen an, im ungünstigen Fall für einen linksseitig, also in „falscher Richtung“  vorgeschriebenen Radweg bis zum Vierzehnfachen.

Ein verwirrender Radwegweiser am Bauhof in Bayreuth

Stadtmitte oder Zentrum? Bayreuths Radwege sind manchmal unerforschlich ...

Das klingt überraschend, ist aber ganz einfach zu erklären: Ist ein Radweg gut angelegt, gehen Unfälle im Längsverkehr (also die mit Kraftfahrzeugen, die in gleicher Richtung fahren) zurück. Dieser Effekt wird in der Praxis durch zu schmale Wege, durch Verschwenkungen, Hindernisse, Autotüren etc. meist aber wieder zunichte gemacht. Unfälle im Querverkehr hingegen (also solche an Kreuzungen und Einmündungen) werden durch Sonderwege für Radfahrer geradezu provoziert: Die Kreuzungen werden durch zusätzliche Wege komplexer, unübersichtlicher, die Verkehrsteilnehmer müssen zusätzliche Verkehrsströme beobachten. Kfz-Fahrer auf der Fahrbahn sehen den abseits geführten Radfahrer später und werden durch schnellere Radfahrer überrascht, die plötzlich dort auftauchen, wo sie nur mit Fußgängern rechnen. Radfahrer fühlen sich auf „ihrem“ Sonderweg sicherer und richten ihre Aufmerksamkeit weniger auf den Fahrbahnverkehr . Das alles ist altbekannt. Umso verwunderlicher, dass die Polizei nichts davon zu wissen scheint.

Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass die Radwege durch die Radfahrer angenommen werden. Wenn mehr Radfahrer unterwegs sind, ereignen sich auch mehr Unfälle. Wenn eine Gruppe mehr Rad fährt als andere, dann wird sie auch häufiger an Unfällen mit dem Fahrrad beteiligt sein. In Bayreuth sind das die Studierenden der Universität. Auch das ist normal.

Deshalb ist es unverständlich, ja geradezu ungehörig, wenn der Polizei-Inspektionsleiter Thomas Schreiber bei der Vorstellung der Unfallstatistik Studierende als Leute beschimpft, die „gerade von den Eltern ausgewildert“ worden seien und erst in Bayreuth lernen müssten, sich an Regeln zu halten. Die Erstsemester fahren eben viel mehr mit dem Fahrrad als beispielsweise die Herren der Polizeiführung — deshalb sind sie auch an Unfällen häufiger beteiligt.

Die Verkehrspolitik der Stadt darf sich nicht darauf beschränken, Radwege nach laufendem Meter Strecke auszuweisen und das als Erfolg zu verbuchen. Wir haben gefordert, sich systematisch die Kreuzungen vorzunehmen und für den Radverkehr zu optimieren. Dann klappts auch mit der Unfallprävention.

„Drei Jahrgänge werden komplett verarscht“

Ist Bayreuth vorbereitet auf den doppelten Abiturjahrgang 2011? — Diese Frage stellten wir uns zusammen mit Maria Lampl (Vorsitzende des Bayrischen Elternverbands, Elternbeiratsvorsitzende des MWG) und Tim Pargent (Sprecher der Initiative „Bildungskatastrophe 2011“ und Jahrgangsstufensprecher Q12 am GCE).

Die Antwort fällt schlimmer aus, als wir dachten: Studienplätze, Lehrpersonal, Geld, Wohnungen — es fehlt an Allem. Und es ist auch nicht nur eine einmalige Situation im Jahr 2011: in vielen anderen Bundesländern wirkt sich die G8-Umstellung in den Jahren 2012 und 2013 aus, so dass wenigstens drei Jahre lang „Land unter“ angesagt ist.

Maria Lampl und Tim Pargent

Maria Lampl und Tim Pargent berichteten von den Sorgen der Schüler und der Eltern

„Seit sieben Jahren musste der Staatsregierung klar sein, dass der letzte G9-Jahrgang und der erste G8-Jahrgang gleichzeitig fertig werden. Was nicht fertig wird, sind die viel zu spät begonnenen Baumaßnahmen an den Universitäten.“ Die seinerzeit versprochenen Geldmittel für Lehrpersonal und Ausbau der Uni habe die Staatsregierung nicht bereitgestellt, beklagte Tim Pargent. Gleichzeitig machte er deutlich, dass das Problem 2011 mit dem ersten G8-Jahrgang in Bayern und Niedersachsen nicht beendet sein werde: 2012 folgten Baden-Württemberg, Brandenburg, Bremen und Berlin; 2013 schließlich Hessen und Nordrhein-Westfalen. Dabei seien die Universitäten bereits überfüllt und hätten sich auch von der unausgegorenen Bologna-Reform noch nicht erholt. Drei Jahrgänge von Schülern, so Pargent, würden so zu Experimentierobjekten gemacht und im Ergebnis komplett verarscht. Das sei auch nicht allein ein Problem der Abiturienten: Andere Ausbildungsplätze gebe es ja auch nicht genügend; wenn Abiturienten wegen der Studiensituation kein Studium beginnen könnten oder wollten, fände auch auf dem restlichen Ausbildungsmarkt ein Verdrängungswettbewerb statt.

Maria Lampl rechnete vor, dass im Wintersemester 2011 an der Universität Bayreuth bis zu 6.500 (statt 2.500) Erstsemester ihr Studium beginnen werden: Das bedeute überfüllte Hörsäle, zu knappe Plätze in Kursen, verlängerte Studienzeiten, kurz: unzumutbare Bedingungen und erhöhte finanzielle Belastungen für die Eltern. Auch sei nicht klar, wo die zusätzlich erwarteten Studentinnen und Studenten wohnen sollten. Lediglich 350 Wohnheimplätze seien neu geschaffen worden. Maria Lampl richtete deshalb einen Appell an alle Bayreuther, ungenutzte Wohnungen oder Zimmer zu vermieten. Sie wies auch auf das Problem hin, dass viele der neu kommenden G8-Abiturienten bis zu zwei Jahre jünger und damit unselbständiger sein werden als bisherige Erstsemester nach G9 und Wehr- oder Zivildienst: „Einige sind dann noch nicht einmal 18, da muss die Mutter bei der Immatrikulation dabei sein — wissen das die Professoren?“ Professoren und Lehrpersonal müssten sich auf diese Bedingungen einstellen, seien sich aber bisher noch nicht einmal klar, dass sie eintreten werden.

Auch die Möglichkeit, dass G9-Absolventen das Studium bereits im Sommersemester beginnen können, bringt keine Entlastung: Die Uni Bayreuth hat zwar erstmals das Fach Jura für einen Beginn im Sommersemester geöffnet, es ist aber nicht klar, ob dann tatsächlich alle notwendigen Kurse in jedem Semester angeboten werden können damit die Studierenden am Ende nicht ein Semester verlieren. Dennoch liegt bereits jetzt die Zahl der Anmeldungen bei 350 — und die G9-Absolventen sind noch gar nicht dabei, denn die kommen erst Anfang Mai hinzu.


Wir planen eine Folgeveranstaltung: Ist Bayreuth vorbereitet auf den doppelten Abiturjahrgang 2011? — Teil 2: Wohnungssituation. Näheres in Kürze hier.

 

Dr. Remix, die Uni Bayreuth und Open Access: Transparenz für den Wissenschaftsbetrieb

Remix – das ist eine neue Kulturtechnik. Was liegt näher, als Schnipsel von im Internet verfügbaren Filmen, Fotos, Musikstücken, Texten zu nehmen, anders zu arrangieren (zu re-mixen) und so Neues daraus zu machen. Leider ist es nicht immer erlaubt.

In Doktorarbeiten jedenfalls müssen eigene Forschungsergebnisse drin sein, und damit man die auch erkennen kann, müssen fremde Gedanken als Zitate gekennzeichnet werden. Das weiß jeder Student und so steht es in jeder Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten. Und auch die Dopingärzte der Wissenschaft wissen es: die Ghostwriter, die gegen Bezahlung Doktorarbeiten für andere verfassen. Einen solchen Profi hatte Guttenberg für seine Remix-Doktorarbeit sicher nicht eingespannt.

Jetzt ist er zurückgetreten und wir nehmen Wetten darauf an, wie lange es dauern wird, bis uns die Bild-Zeitung sein groß aufgemachtes Comeback serviert. Bis dahin bitten wir, im Gedächtnis zu behalten, dass es genug andere Gründe gibt, sich kein solches Comeback zu wünschen: Da gab es im Sommer 2009 einen Wirbel um das zur Aufarbeitung der Finanzkrise wichtige “Gesetz zur Ergänzung des Kreditwesengesetzes” — schon vergessen? Eine britische Anwaltskanzlei, nicht das Ressort des damaligen Wirtschaftsministers Guttenberg hatte das Gesetz entworfen. Der Skandal auf der ‚Gorch Fock‘: Guttenberg warnte am Freitag vor vorschnellen Entscheidungen und ließ sich bereits am Samstag von der Bild-Zeitung vorschreiben, wen er sofort zu feuern habe. Die Selbstdarstellungsreise mit Ehefrau und TV-Moderator nach Afghanistan. Die „Aufklärung“ des Kundus-Vorfalls. Und … aber wir kommen vom Thema ab.

Auch die Uni Bayreuth muss sich ja noch immer fragen lassen: Hat man dem illustren Doktoranden aus dem elitären Seminar des Staatsrechtlers Peter Häberle einfach nur in blindem Vertrauen oder vielleicht mit zugekniffenen Augen die Bestnote überreicht? Dass Häberle selbst von den positiven wie negativen Möglichkeiten des World Wide Web keine Vorstellung hatte, mag man ja noch glauben. Was aber ist mit den anderen Gutachtern und Prüfern? Welche Rolle spielen Zuwendungen des  Rhön-Klinikums?  Wie kann die Uni weiterhin glaubwürdig ein Graduiertenkolleg mit dem Titel „Geistiges Eigentum und Gemeinfreiheit“ anbieten? Muss man sich zukünftig von der Seite anschauen lassen, wenn im Lebenslauf ein Doktortitel der Universität Bayreuth steht? — Dass sich auch der Verlag Duncker & Humblot, der die Dissertation für stolze 88 Euro pro Exemplar verkauft hat, nicht eben mit Ruhm bekleckert hat, was das Lektorat und die Qualitätssicherung angeht, macht es nicht besser.

Konsequenz aus der ganzen Affäre: Wir brauchen endlich Open Access. Das bedeutet übersetzt: „Freier Zugang zu wissenschaftlichen Materialien“ und heißt konkret: Doktorarbeiten und alle anderen Abschlussarbeiten vom Bachelor aufwärts müssen — ebenso wie andere Forschungsergebnisse — offen ins Netz gestellt werden.

Auch wenn die eigentlichen Gründe für die Forderung nach freiem Zugang andere sind: Er verhindert solche Skandale zuverlässig. Ein frei verfügbarer Text kann nicht lange unbemerkt aus anderen frei verfügbaren Texten abgeschrieben sein. Nur weil Guttenbergs Text als Buch 88 Euro kostete, hat ihn vor dem Skandal kaum jemand gelesen. 88 Euro, die der Verlag „für nichts“ eingesteckt hat, denn eine wissenschaftliche Überprüfung des Werks hatte ja offensichtlich nicht stattgefunden.

Die rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Bayreuth könnte einen guten Teil ihres verlorenen Ansehens wieder gewinnen, wenn sie sich  für einen freien Zugang zu wissenschaftlichen Materialien einsetzt und mithilft, die noch offenen Rechtsfragen in diesem Gebiet zu erforschen.